Zeitgemäße Anwendungen

Als erstes habe ich Turbo Pascal 7.0 ausprobiert. Diese Version war die schönste, beste und letzte Version für MS-DOS, von 1992. Es war die einzige DOS-Version, die Syntax-Highlighting konnte. Ich erinnere mich da so genau dran, weil wir diese Version im Informatik-Unterricht in der Mittelstufe benutzt haben, während ich zu Hause nur eine ältere Version hatte, die eben kein Highlighting konnte.
Aus heutiger Sicht ist es sehr befremdlich, dass die Objektdateien bzw. Executables direkt im Verzeichnis erstellt werden, in denen auch die Quellcodedateien liegen; in einer frischen Installation gibt es unter EXAMPLES nur .PAS-Dateien, nachdem man etwas rumgespielt hat fliegen überall auch .EXE-Dateien herum. Außerdem ist es etwas fummelig, wenn man Projekte laden möchte, die aus mehreren Dateien bestehen. Wenn ich nichts übersehen habe, dann ist das Wechseln des Arbeitsverzeichnisses der einzige Weg, damit beim Übersetzen alles gefunden wird. Etwas seltsam war auch, dass ich die Anwendung für den Protected Mode (TPX.EXE) nicht zum Laufen kriegen konnte. Einerseits führt die README-Datei aus, dass man HIMEM.SYS laden soll. Andererseits sagt das Programm, dass es keinen DPMI-Manager finden konnte und man DPMIINST.EXE ausführen soll -- welches daraufhin bemängelt, dass HIMEM.SYS geladen wurde und es damit nicht koexistieren kann. Ich habe es dann aufgegeben und TURBO.EXE, die Anwendung für Real Mode, verwendet. Eine umfangreiche Demo hatte sich aus Speichermangel nicht übersetzen lassen, ansonsten war im Real Mode alles gut. Die Entwicklungsumgebung ist übersichtlich und mit der Maus sehr bequem zu bedienen. Ein kleines Hello-World-Programm war auch schnell gestrickt, aber nach zwei Jahrzehnten mit C und C++ ist von dem bisschen Pascal, das ich mal konnte, nicht mehr viel hängen geblieben.

Unter Windows habe ich Turbo Pascal for Windows getestet. Version 1.0 kommt auf vier 720K-Disketten und hat zu meiner Überraschung ebenfalls kein Syntax-Highlighting im Angebot. Nach etwas Recherche habe ich dann herausgefunden, dass Version 1.0 auf Turbo Pascal 6 aufbaut, welches ebenfalls kein Syntax-Highlighting hat. Davon abgesehen war ich von der Hilfe positiv überrascht: in der HLP-Datei waren alle oberflächlich angetesteten Funktionen der Windows-API enthalten und in Pascal-Syntax beschrieben. Einzig und alleine das Debugging wollte nicht funktionieren, hier wurde eine Datei vermisst die jedoch scheinbar vorhanden war. Vielleicht wieder so ein Pfad/Arbeitsverzeichnis-Ding?
Weil mir der Screenshot auf WinWorld mit dem Syntax-Highlighting den Mund wässrig gemacht hatte, wollte ich dann noch Version 1.5 ausprobieren. Hier hatte ich mich für die deutsche Version entschieden, die sage und schreibe elf 720K-Disketten umfasst. Beim Start der Installation kann der Umfang festgelegt werden; durch die Abwahl einiger Komponenten kam ich auf ca. 5 MB runter, allerdings war das Setup-Programm nicht sonderlich schlau und ließ mich jede einzelne Diskette einlegen, nur um nach einem kurzen "Anschnüffeln" festzustellen, dass es lieber die nächste Diskette haben möchte. Das hatte schon einen etwas trolligen Eindruck gemacht, vor allem, weil ich jede Diskette on-the-fly auf einem anderen Rechner erzeugt habe, nur um sie gleich wieder mit dem nächsten Image überschreiben zu müssen. ;-)
Die README-Datei war ebenfalls unterhaltsam. Der Herausgeber der deutschen Version beschreibt den inneren Zwiespalt zwischen a) das Update möglichst schnell und preisgünstig herausbringen und b) die Windows-API-Beschreibung der neuen Windows-3.1-Features von Englisch nach Deutsch übersetzen. Man hat sich für das frühere Release entschieden, die API-Dokumentation ist somit gemischt-sprachig, mit dem Versprechen, dass es in der nächsten Version übersetzt sein wird. (Eine nächste Version gab es nicht.)

Aber noch einmal zurück zu Windows 3.1 selbst. Erinnern wir uns kurz an das zeitlich dazu passende MS-DOS 5.0. Hier gibt es inzwischen mit der MS-DOS-Shell eine "grafische" Benutzeroberfläche, die das Navigieren im Verzeichnisbaum erleichtert und Shortcuts für ein paar gängige Handgriffe (z.B. Formatieren einer Diskette mit QuickFormat) beinhaltet. Aber bereits das Löschen eines Verzeichnisses inklusive Inhalt ist zu viel verlangt, und neben dem Editor (und dem ausgezeichneten QBasic) ist nicht viel an Tools für den normalen Benutzer drauf. Es ist eben ein Disk Operating System, das was man braucht, damit man danach richtige Programme benutzen kann. Das ist auch okay so.
Nun sehen wir uns eine frische Installation von Windows 3.1 an und entdecken die Programme, die dort dabei sind:

Wenn man also nach dem Kauf seines neuen Rechners erst mal knapp bei Kasse war, konnte man schon eine Menge mit dem Grundumfang anstellen. Aber richtig nützlich wurde ein Windows natürlich erst, wenn "echte" Anwendungen zum Einsatz kamen, wie zum Beispiel Microsoft Excel 5.0. Excel war schon immer Microsofts Flaggschiff und gefühlt den anderen Microsoft-Anwendungen einen Schritt voraus -- leider auch was den Ressourcenhunger betrifft. Gerade Version 5.0, die letzte für Windows 3.1 erschienene Fassung, langt ganz ordentlich zu und läuft auf dem 286er recht träge. Eine deutlich ältere Version von Excel hatte ich mir hier angesehen (allerdings auch auf einem deutlich langsameren Rechner).
Excel 5.0 kommt auf 10 Disketten mit je 1,44 Megabyte und die Standard-Installation belegt auf der Festplatte rund 15 Megabyte, wovon alleine 4 Megabyte auf die EXCEL.EXE entfällt. Während der Installation bekommt man bereits einen Vorgeschmack darauf, welche neuen Features man entdecken darf. Ich liebe die Software-Setups aus der späten Windows-3.1-Ära; die Farbgebung, Schrift und die Grafiken sehen einfach so richtig schön nach Anfang/Mitte 1990er aus.
Das Setup legt eine Programm-Gruppe "Microsoft Office" an (sofern nicht anders ausgewählt), in die sich auch die anderen Programme der Office-Familie einnisten.

Die Oberfläche inklusive Splash-Screen, Menüführung, Toolbar etc. weist eine gewisse Ähnlichkeit zu dem ein Jahr zuvor erschienenen Word 6.0 auf. Die Formatierung der Zellen funktioniert so ähnlich, wie man es heute kennt: Ausrichtung, Schriftstil, Vordergrundfarbe, Hintergrundfarbe, Linientyp -- alles da. Auch das Vervollständigen von Zahlenfolgen per "Runterziehen" und die Anpassung der Spaltenbreite und Zeilenhöhe per Doppelklick auf die Trenner funktionieren so, wie man es in den moderneren Versionen kennt. Excel 5.0 macht auch viel Gebrauch von Kontextmenüs, die mit einem Rechtsklick geöffnet werden -- ein Konzept, das die Zubehörprogramme von Windows 3.1 noch nicht kennen.

So richtig interessant ist aber das Visual Basic for Applications, das in Excel 5.0 erstmals integriert wurde. Der Editor unterstützt Syntax Highlighting und passt automatisch die Schreibweise der Schlüsselworte und Funktionsnamen an. Allerdings sehr gewöhnungsbedürftig: in der deutschen Version von Excel ist auch das Visual Basic deutsch. Zählschleifen, auch bekannt als For-Schleifen, werden hier mit den Schlüsselworten Für, Bis und Nächste definiert sowie mit Verlasse Für vorzeitig beendet. Gruselig! Auch die Wenn/Dann/Sonst/Ende Wenn-Konstrukte sehen in meinen, von englischen Programmiersprachen geprägten, Augen einfach nur schlimm aus. Funktionsnamen wie MeldungsDlg (statt MsgBox) tun ihr Übriges. Man muss quasi alles neu lernen, bzw. sich die (dankenswerterweise im Hauptverzeichnis der Excel-Installation liegende) Übersetzungs-Tabelle neben die Tastatur legen. Immerhin ist das Grauen konsistent: wenn man eine Schaltfläche erzeugt, und dieser eine Funktion zuweisen möchte, dann entstehen so schöne Namen wie Schaltfläche3_BeiKlick()...

Als nächstes noch ein flotter Blick auf Microsoft Word 6.0. Das Setup zeigt schon ganz am Anfang die Meldung "Bitte haben Sie etwas Geduld...", eine Bitte die man auf einem 286er durchaus ernst nehmen sollte. Das Standard-Setup, das bereits einen ziemlich vollständigen Eindruck gemacht hat, rödelte immerhin rund 50 Minuten, um die 11 Disketten in ca. 15 Megabyte auf der Festplatte zu verwandeln. In meiner Screenshot-Umgebung (Oracle VM VirtualBox) war ich leider etwas zu geizig was die Größe der Festplatte betrifft, weshalb ich hier ein benutzerdefiniertes Setup wählen musste. Während der Installation wird man ebenfalls mit Hinweisen auf die (neuen) Funktionen erfreut; ich habe zwar noch nie Serienbriefe erzeugt, aber das Bild dazu hat mir am besten gefallen.
Was ich jetzt in Retrospektive bemerkenswert finde: die Einführung der Undo/Redo-Funktion, beworben mit "Alles zurück: Keine Angst mehr vor Fehlern!" und "Probieren Sie spontane Einfälle einfach aus. Word kann jetzt bis zu 100 Aktionen rückgängig machen und mit einem Mausklick wiederherstellen". Das erscheint uns heute so normal, aber eigentlich ist das ein Killer-Feature: wie oft merkt man erst auf dem Weg des "Ummodelns", dass man eine experimentelle Idee verfolgt, völlig angstfrei, weil man sich darauf verlässt, dass man leicht wieder zurück gehen und dann anders abbiegen kann. Wie ätzend muss das früher gewesen sein, als das nicht ging und man nur einen früheren Stand laden konnte (wenn man so schlau war, vor dem Umbauversuch zu speichern).

Der Splash-Screen weckt Erinnerungen: wir hatten früher Word 6.0 auf unserem Familien-386er, ebenfalls unter Windows 3.1. Als wir dann irgendwann Referate für die Schule auch auf dem Computer schreiben durften, war dieses Word das Mittel der Wahl. Tatsächlich hatten wir sogar später beim Kauf eines Pentium 100 bei Vobis noch Word 6.0 auf CD-ROM dazu bekommen, zusammen mit Windows 95; Word 95 kam etwas später und war noch nicht im Softwarepaket enthalten.
Das Starten der Anwendung dauert eine Weile, ebenso das erstmalige Öffnen von Dialogen wie etwa den zur Rechtschreibkorrektur (ja, man musste das manuell anstoßen, das automatische rote Unterkringeln während der Eingabe kam erst mit Word 97).

Etwas ungünstig in diesem Setup ist, dass man die Seite auf ca. 95% zoomen muss, damit man Zeilen auf einer DIN-A4-Seite vollständig sehen kann. Andernfalls springt die Anzeige manchmal nach rechts; aber nur, wenn ein Wort noch gerade so hinpasst und nicht in die nächste Zeile umgebrochen wird. Die Zoom-Einstellung "Seitenbreite" geht sogar noch einen Schritt weiter und zoomt bei 640x480 auf 71%, sodass auch die Ränder sichtbar sind. Aber diese Problematik wird nicht von Word selbst verursacht oder begünstigt, sondern liegt an der Auflösung der Anzeige; mit 800x600 sollte alles rein passen.
Von der Bedienung her ist die Oberfläche sehr freundlich, insbesondere die Tatsache, dass die Icons in der Toolbar beim Berühren mit dem Mauszeiger einen Tooltip einblenden, der verrät, was ein Klick darauf auslösen wird. Das ist für Windows-3-Anwendungen nicht ganz selbstverständlich und hat erst mit Windows 95 Einzug in die Zubehör-Programme erhalten. Was die Funktionen betrifft zeigt Word 6.0 schon so ziemlich alles, was man im Alltag benötigt, und ermöglicht auch "gewagte" Layouts wie Kästen mit blauem Hintergrund und gelbem, fetten Text. Wenn die Trägheit nach dem Start überwunden ist, läuft die Eingabe von Text auch auf dem 286er relativ flüssig und kann mit einem schnellen Schreiber mithalten.

TheSky (1993)


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