Zerlegung und intensive Grundreinigung

Die Startbedingungen

Der Rechner war in keinem so schönen Zustand, als ich ihn gekauft hatte. Schon auf den Fotos bei eBay Kleinanzeigen sah er außen ziemlich schmuddelig aus. Allerdings habe ich inzwischen die Erfahrung gemacht, dass sich "Finger-Schmodder" und normaler Bürodreck ziemlich gut mit Wasser und Seife entfernen lassen. Der Verkäufer war auch so nett mir Fotos vom Innenraum zu machen, und da sah es relativ gut aus. Insbesondere der Stützakku schien noch in Ordnung zu sein (übrigens von GP; die scheinen besser zu halten als die von VARTA). Nach ein wenig Diskussion über den Kaufpreis habe ich für 125 Euro inklusive Versand zugeschlagen. Für die Nachwelt: das entspricht zur Zeit dem Gegenwert von 50 Stücken Kerrygold Original Irische Butter, oder knapp 60 Liter Super-Benzin an der nächstgelegenen Tankstelle (was ich früher an 24 Bürotagen verfahren hätte).

Wie so häufig habe ich beim Losbasteln versäumt ein paar gute Vorher-Fotos zu schießen. Aber ein bisschen was habe ich eingefangen:

Finger-Schmodder auf dem Bedienpanel Schmier-Schmutz auf dem Gehäuseboden Ekel-Krümel unter dem Netzteil

Ich weiß nicht, in welchem Umfeld der Rechner betrieben wurde, aber der Dreck hatte eine klebrige Eigenschaft und insgesamt einen leicht metallisch-öligen Geruch wie in einer Autowerkstatt oder einem produzierenden Gewerbe. Von einem ersten Funktionstest vor der Reinigung hatte ich Abstand genommen, weil ich zuerst die Batterie inspizieren und sicherstellen wollte. Ich habe schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass, obwohl äußerlich kein gravierender Schaden sichtbar ist, dennoch Elektrolyt ausgelaufen sein kann und das Mainboard beschädigt haben könnte. Damit dann nicht irgendetwas unkontrolliert durchbrennt oder sonstwie weiteren Schaden nimmt, steht bei mir immer zuerst die komplette Zerlegung an.

Korrodierter Battery-Jumper Die Leiterbahn über L2! Mehrere Leiterbahnen auf der Unterseite

Insgesamt nicht das Schlimmste, das ich je gesehen habe, aber dennoch ein ordentlich ausgelaufener Akku, dessen Kaliumhydroxid-Lösung ganze Arbeit geleistet hat. Besonders erstaunlich fand ich die Stelle auf der Unterseite, die eine halbwegs isolierte Insel darstellt. Ist der Schmodder vom Minuspol um die Ecke gekrochen?
Ich muss meine Akku-Beobachtungen noch systematisieren, aber so langsam ergibt sich ein interessantes Muster: die am stärksten betroffene Leiterbahn ist die für -12 Volt. Genau die gleiche Beobachtung hatte ich schon vor 2 Jahren bei einem 386-SX-Mainboard gemacht, hier war die -12-Volt-Leiterbahn sogar als einzige komplett unterbrochen. Ich vermute einen elektrochemischen Zusammenhang. Außerdem sollte das einen Hinweis darauf geben, ob der Rechner mit leckendem Akku noch betrieben wurde oder nicht -- im ausgeschaltetem Zustand sind die Leiterbahnen ja alle gleich und sehen aus Sicht des Elektrolyts nur nach lecker Kupfer aus.

Auch in anderer Hinsicht hatte der Rechner einen etwas vernachlässigten Eindruck gemacht. Beispielsweise war eine ISA-Steckkarte nicht festgeschraubt (gar keine Schraube), bei einem DB-25-Stecker die Sechskantschraube lose und bei einem anderen sogar komplett weg. Außerdem war die Pfostenleiste des RS232-Steckers unter dem Netzteil überhaupt nicht angeschlossen, sondern lag lose auf dem Mainboard. Des weiteren war am Battery-Jumper ein Kabel angeschlossen, dessen anderes Ende jedoch blank war und im 5,25"-Laufwerk baumelte -- eventuell war hier ein Batterie-Päckchen angeschlossen, weil der Rechner auf Grund des ausgelaufenen Hauptakkus sein Datum nicht mehr behalten wollte.
Das Interessanteste war jedoch, dass zwei Grafikkarten installiert waren: eine VGA-Karte (vermutlich Original-Zubehör, OCTEK) und eine Kombination aus MDA/Hercules und Parallelport. Und das, obwohl die Multi-I/O-Karte ebenfalls einen Parallelport besitzt. Vielleicht war es also ein Setup mit zwei Monitoren. Oder mit zwei Parallelport-Geräten. Oder jemand hat die eine Grafikkarte später hinzugefügt und die andere einfach stecken lassen. Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren...

Der Batterieschaden

Nachdem alles in Einzelteile zerlegt war, habe ich mich natürlich besorgterweise als erstes dem Mainboard gewidmet. Den Akku habe ich wieder in der bewährten Ruckel-Manier entfernt: einen Einmalhandschuh an, den Akku zwischen Zeigefinger und Daumen genommen, und dann einige dutzend bis hundert mal hin- und herbewegt, bis die Drähte abgebrochen sind. Auch dieser Akku war mit einem Tropfen Heißkleber befestigt, weshalb die ersten paar Bewegungen noch eine sehr geringe Amplitude hatten, bis sich der Kleber irgendwann vom Mainboard abgelöst hatte. Dann ab in eine Plastiktüte, verknoten und das nächste mal mit zum Betriebshof. Dieser Teil der Prozedur ist schon zur Routine geworden und begrenzt schnell den weiteren Schaden, der durch langes Aussitzen entstehen könnte. Der Akku selbst sah auch nach dem Entfernen noch vergleichsweise unverdächtig aus.

Zur weiteren Behandlung habe ich wie gewohnt zur etwa 5%igen Essigsäure gegriffen (25%ige Essigessenz aus dem Supermarkt im Verhältnis 1:4 verdünnt). Diese träufel ich mit einem Strohhalm als Pipette (eintauchen, Daumen drauf, über's Mainboard schwenken, Daumen runter) großzügig auf die betroffenen Stellen, wobei diesmal nur der Belag am Tastatur-Stecker gezischt hat; die anderen Stellen haben nur wenig reagiert. Danach mit ein paar Wattestäbchen die gelösten Brocken, die meistens auf der Flüssigkeit schwimmen, abnehmen und mit etwas Küchenpapier nachwischen. Mit dem so behandelten Mainboard bin ich dann ins Badezimmer und habe es unter der Duschbrause sehr gründlich abgespült. Nach dem gröbsten Abtropfen dann rauf auf die Dachterrasse und den das restliche Wasser mit der Druckluft vom Mainboard gefegt. Das ist ein ziemlich fummeliger Prozess, weil das Wasser zwar schnell in eine Ecke gedrängt wird, aber nicht so bereitwillig vom Mainboard abhebt. Oft hilft es noch etwas Küchenpapier dazuzulegen, damit das Wasser einen Ort findet an dem es bleiben kann und nicht wieder auf das Board zurück findet. Die nächsten vier bis fünf Tage durfte sich das Mainboard von der Tortur erholen und auf dem Dachboden so richtig schön durch trocknen.
Ja, das klingt nach einer ziemlich rabiaten Vorgehensweise. Aber dazu sei gesagt, dass unser Leitungswasser eine geringe Härte aufweist und durch das Wegblasen des Großteils auch kaum Kalkspuren zurück bleiben. Für eine besonders wertvolle Leiterplatte würde ich auch eher zu destilliertem Wasser greifen und/oder mit Isopropanol nachspülen, aber bei einem normalen 286er-Mainboard, das ohnehin schon viel mitgemacht hat und übel verdreckt ist, bin ich inzwischen schon etwas abgestumpft und lasse es einfach drauf ankommen. Manche Lötstellen haben nach der Behandlung einen grauen, matten Belag, aber das scheint nur die mit Essigsäure behandelten Gebiete zu betreffen, die übrigen Lötstellen glänzen weiterhin.

Bei diesem Mainboard habe ich erstmals eine neue Technik ausprobiert: nach dem Trocknen habe ich von den betroffenen Stellen Fotos aus der Draufsicht gemacht und die schadehaften Stellen in einem Bildbearbeitungsprogramm (hier: Gimp) mit Bezeichnungen versehen (T-1 bis T-9 auf der Oberseite, B-1 bis B-5 auf der Unterseite). Danach habe ich wie gewohnt mit dem Durchgangsprüfer die Leiterbahnen verfolgt und geschaut, ob und welche unterbrochen sind. Bei allen geprüften Kontakten habe ich notiert, von wo nach wo die Leiterbahn läuft (meistens auch mit Recherche, welche Funktion ein IC bzw. der kontaktierte Pin hat). Durch das Zoomen in die Nahaufnahme am PC habe ich tatsächlich noch die eine oder andere Stelle gesehen, die mir rein vom Draufschauen nicht aufgefallen ist. Außerdem lässt sich leicht messen, wie viel einer Leiterbahn noch erhalten ist, wenn man Pixel zählt bzw. mit einem Messwerkzeug zählen lässt.

9 böse Stellen auf der Oberseite 5 böse Stellen auf der Unterseite Steckkontakte auf einer ISA-Karte

Die Leiterbahnen waren erfreulicherweise noch alle durchgängig, am stärksten in Mitleidenschaft gezogen war die bereits erwähnte -12-Volt-Leitung, aber auch hier ist noch ca. 1/3 übrig. Für einen ersten Funktionstest reicht das allemal, und ob eine Verstärkung notwendig ist hängt auch etwas davon ab, ob überhaupt irgendeine Steckkarte die -12 Volt benötigt. Wenn an einer Steckkarte nur die benötigten Kontakte vorhanden sind, lässt sich das besonders leicht beurteilen, ansonsten muss man etwas genauer hinschauen, ob von den Kontakten aus Leiterbahnen abgehen.

Pin B1 B2 B3 B4 B5 B6 B7 B8 B9 B10
Name GND RESET +5V IRQ2 -5V DRQ2 -12V /NOWS +12V GND

Für die beispielhaft fotografierte ISA-Karte heißt das, dass nur +5V und +12V genutzt werden. Bei den anderen Karten hatte ich weniger Glück, sowohl die VGA-Grafikkarte als auch die Multi-I/O-Karte erfordern eine -12-Volt-Leitung.

Ich war mit dem Ergebnis der ersten Reinigung noch nicht zufrieden. Vor allem, weil ich zur Erhaltung der Leiterbahnen recht vorsichtig war, dadurch aber auch viel Schmutz zurückgeblieben ist. Beim zweiten mal habe ich neben dem Abbrausen in der Badewanne auch noch mit einer Zahnbürste nachgeholfen und den ganzen Staub zwischen den Bauteilen gelockert. Falls in diesem Durchgang einer der Kontakte kaputt gegangen wäre, dann hätte ich zumindest noch meine Aufzeichnungen gehabt und wüsste genau, von wo nach wo die Leitung lief und wie ich sie flicken müsste. Ich denke ich werde dieses zweistufige Vorgehen auch für künftige Reinigungen beibehalten -- man muss nur etwas mehr Geduld haben, wenn jedes mal eine mehrtägige Trockenphase abzuwarten ist.

Das Netzteil

Ein weiterer Kandidat, den man sich besser genau ansieht, bevor man den Rechner probehalber einschaltet, ist das Netzteil. Hier sind es insbesondere die Elektrolyt-Kondensatoren, die auslaufen können und dann entweder ebenfalls die Leiterplatte bzw. Bauteile beschädigen, oder aber einfach während des Betriebs platzen und dabei fürchterlich stinken. Im Falle dieses PCs war das Netzteil und insbesondere dessen Lüfter auch mächtig verdreckt und wesentliche Quelle des ölig-metallischen Geruchs.

Ich habe an anderer Stelle schon einmal geschrieben: Netzteile sind böse, böse Orte und potenziell gefährlich für Laien, die von Elektrotechnik keine Ahnung haben. Auf dem Netzteil selbst sind meistens abschreckende Hinweise zu finden wie etwa hier: "Achtung!", "Gefahrenzone" und "Der Gehäusedeckel darf nur von einem Fachmann geöffnet werden. Stromschlaggefahr.". Für gewöhnlich beherzige ich das auch und betrachte ein Netzteil als Blackbox, die meinen PC mit Spannung versorgt, und wenn sie das nicht tut, ausgetauscht wird. Ich habe größtes Verständnis für alle, die es genauso sehen und ein Netzteil nicht öffnen.

Diesmal habe ich es trotzdem aufgemacht. Ich habe zwar zuvor versucht, den Dreck mittels Druckluft raus zu blasen, aber es sah immer noch eklig aus und das Wissen, dass jetzt loser Dreck überall auf den Bauteilen liegt, die heiß werden können, war auch nicht unbedingt beruhigend. Im zweiten Anlauf habe ich den Deckel geöffnet und weiter Dreck ausgeblasen. Es kam noch mal eine gehörige Menge raus, aber auf den Bauteilen war immer noch eine dünne Bröselschicht. Erst durch das manuelle Abtragen mittels eines Pinsels und anschließendem Drucklufteinsatz konnte ich diesen entfernen. Der Pinsel war auch das Mittel der Wahl um den verbliebenen Dreck aus dem Lüfter zu bekommen. Der Geruch war noch vernehmbar, aber je länger das Netzteil offen rumstand, desto mehr davon ist verflogen.

Kabel, Frontpanel und der ganze Rest

Es ist sagenhaft, wie viel Dreck sich auf einem Flachbandkabel niederlassen kann. Auch die Verbindungskabel für Power-LED, Turbo-Switch, Reset-Button, usw. hatten krümeligen Belag. Nachdem ich das Frontpanel entfernt hatte und die Kabel inklusive der angelöteten Schalter und Knöpfe lose vorliegen hatte, habe ich mich entschlossen das alles ebenfalls nass zu schrubben. Ab in die Badewanne, die Flachbandkabel mit der Nagelbürste und die Stecker/Schalter mit der Zahnbürste und etwas Seife behandelt. Aus den Steckern habe ich das Wasser danach wieder mit Druckluft ausgeblasen, insbesondere bei Floppy- und Festplatten-Kabel kam da noch mal einiges raus. Danach für ein paar Tage zum Durchtrocknen auf den Dachboden.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen, auch wenn es auf den Fotos nicht so auffällig ist (davon abgesehen, dass die Bilder bei unterschiedliche Belichtung schwer vergleichbar sind). Positiver Nebeneffekt: die Flachbandkabel haben ein bisschen ihrer ursprünglichen Verdrehtheit verloren und sind insgesamt etwas geschmeidiger geworden.

Floppy-Kabel vor der Reinigung Floppy-Kabel nach der Reinigung

Das Gehäuse selbst ließ sich in diese Teile zerlegen:

Diese Teile waren für sich genommen alle relativ unempfindlich und gut handhabbar. Auch ab in die Badewanne und mit Seife und Zahnbürste geschrubbt, abgespült und gut getrocknet. Etwas schwierig war die Frontblende, bei der auch einige tiefe Kratzer im Kunststoff waren. Diese habe ich vorsichtig mit einem Schmutzradierer behandelt, wobei ich sehr darauf geachtet habe, das schwarze Hochglanz-Label nicht zu verkratzen. Leider hatte da schon eine kleine Ecke gefehlt und ein oder zwei Kratzer waren auch schon vorhanden, aber insgesamt sieht die Frontblende jetzt ganz schön gut aus.

Die Elektronik für das Frontpanel sowie die Steckkarten habe ich nur mit Druckluft und Pinsel behandelt. Bei zwei Steckkarten waren die Slotblenden relativ stark von Rost befallen, aber auch das habe ich in diesem Durchgang erst einmal ignoriert. Da wollte ich nicht unnötig viel Zeit investieren, bevor ich sicher bin, dass die Steckkarten auch funktionieren. Außerdem war eine Steckkarte dabei, von der ich ohnehin noch nicht weiß, ob und wofür ich sie verwenden kann.

Die Festplatte selbst habe ich auch nur gepustet und gepinselt, bei den Diskettenlaufwerken musste ich etwas mehr Hand anlegen. Bei dem 5,25"-Laufwerk konnte man recht leicht den Laufwerkhebel abziehen und die Blende danach durch Lösen zweier Schrauben ebenfalls abnehmen. Beides war dann mit Zahnbürste und Handseife sehr schnell wieder in einen nahezu neuwertigen Zustand gebracht. Bei dem 3,5"-Laufwerk war das ganze etwas trickreicher, weil es aus mehr Teilen bestand. Zunächst mussten Ober- und Unterschale entfernt werden, was durch vorsichtiges Aushaken kleiner Blechnasen erreicht werden kann. Danach habe ich Frontblende und Auswurfknopf leicht abnehmen können -- kleine Kunststoffnasen haben sie festgehalten, die sich mit einem Schraubendreher eindrücken ließen. Etwas fummeliger war die kleine Klappe; diese war sowohl beidseitig im Metallrahmen eingesteckt, als auch mit einer dünnen Feder gegen das Gehäuse gespannt. Zuerst die Feder raus, dann die Klappe aushaken, und schon kann auch hier die Reinigung mit Zahnbürste und Seife beginnen. Beim Zusammenbau habe ich dann noch festgestellt, dass eine Metalllasche der Unterschale unter den Kunststoffteil der Frontblende gefädelt werden muss. Im zweiten Anlauf hat das dann auch gepasst.

Bleibt noch der Funktionstest offen. Dann zeigt sich, ob entweder alles umsonst war, weil die Laufwerke kaputt sind, oder ob ich noch mal rein muss, weil die Mechanik verharzt ist. :-)
Aber so oder so sind es jetzt sauberere Laufwerke, mit denen es mehr Spaß macht zu arbeiten.


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